Warum ist das Gewicht so wichtig bei dem Wunsch, schwanger zu werden?

Wenn Paare mehr als ein Jahr vergeblich versuchen, schwanger zu werden, spricht man gemäß WHO – Kriterien von Infertilität oder Sterilität (Unfruchtbarkeit). Die Ursachen für die ungewollte Kinderlosigkeit können sehr verschieden sein. Ein entscheidender Faktor, der die Fruchtbarkeit auf Seiten der Frau, aber auch die des Mannes beeinflusst, ist der Ernährungszustand.

Die Fortpflanzungsfähigkeit höherentwickelter Säugetiere und auch des Menschen ist – evolutionsbiologisch betrachtet – keine Körperfunktion, die primär lebenserhaltend ist. In Zeiten von Mangelernährung (z.B. während eines Krieges) oder in Zeiten schwerer Krankheiten, in denen der Körper alle Kräfte für die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung seiner Gesundheit mobilisieren muss, werden offenbar bestimmte Hormonfunktionen so gedrosselt, dass die Fortpflanzungsfähigkeit vorübergehend oder dauerhaft eingestellt wird – sowohl bei der Frau als auch beim Mann. Bekannt ist z.B., dass Leistungssportlerinnen mit einem hohen Anteil an Muskelmasse und einem geringen Fettanteil zu unregelmäßigen Zyklen neigen oder die Menstruation und damit der Eisprung und die Fortpflanzungsfähigkeit ganz ausbleiben. Auch bei Männern kommt es bei extremen sportlichen oder sonstigen Dauerbelastungen sehr oft zu eingeschränkten Spermienparametern.

Andererseits ist vor allem bei Frauen ein zu hoher Körperfettanteil und Übergewicht problematisch im Zusammenhang mit dem Kinderwunsch. Das Fettgewebe ist ein Hormonproduzent. Vor allem die sogenannten Androgene (männliche Hormone) geraten bei übergewichtigen Patientinnen aus dem Gleichgewicht. Bei einer gesunden normalgewichtigen Patientin gibt es ein Gleichgewicht zwischen weiblichen (Östrogenen) und männlichen Hormonen (Androgene).

Bei Übergewicht kommt es oft zu einer Verschiebung dieses Gleichgewichtes zugunsten der Androgene. Die Ursache ist eine Einschränkung der Hypophysenfunktion im Gehirn. Folgen können sein: vermehrter Haarwuchs, Bartwuchs, eine Insulinresistenz  und – für die Kinderwunschbehandlung besonders folgenreich: eine Fehlfunktion der Eierstöcke. Die Eierstöcke neigen dann oft zur Zystenbildung. Eine Hormonbehandlung, die für eine Kinderwunschbehandlung Voraussetzung ist, wird sehr schwierig, da die Eierstöcke unvorhergesehen auf die verabreichten Hormondosen reagieren können. Man spricht dann von einem sog. Polycystischen Ovarsyndrom (PCOS). Die Folge können Überstimulationen sein, aber auch die Qualität der Eizellen ist für eine künstliche Befruchtung dann oft deutlich eingeschränkt.


Weitere Moleküle wie Adiponectin und Leptin fungieren als „Linkerfaktoren“ zwischen dem Fettstoffwechsel und dem Ernährungssystem einerseits und dem endokrinen System andererseits, das die Fortpflanzungsfunktionen steuert. Daraus resultiert sozusagen ein „crosstalk“ zwischen beiden Systemen. Dieses Netzwerk kann durch Übergewicht gestört werden und auch die Erfolgschancen bei einer künstlichen Befruchtung beeinträchtigen.

Eine Kinderwunschbehandlung durchzuführen, ist eine für das Paar oftmals in psychischer, finanzieller und organisatorischer Hinsicht belastende Situation. Man sollte daher vor Behandlungsbeginn versuchen, die bestmöglichsten Voraussetzungen zu schaffen, um einen baldigen Erfolg zu erzielen. Neben dem Vermeiden des Rauchens sind Ernährung und Gewicht die zentralen Faktoren, die den Ausgang der Behandlung beeinflussen können. Patientinnen mit einem normalen Body–Mass–Index (BMI, zwischen 20 und 26) haben eine bis zu 10 % höhere Chance auf eine Schwangerschaft nach einer Kinderwunschbehandlung.

Ein zu hoher BMI kann dabei ebenso nachteilig sein wie ein BMI unter 20.